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Das Projekt Logik-Bibliographie

Logik kommt im Kanon der wissenschaftlichen Disziplinen eine herausgehobene Stellung zu: Logik vermag Abhängigkeiten zwischen Repräsentationsformen von inhaltlichem Wissen und insbesondere Folgerungen aus Wissen zu begründen, ohne in den gegebenen Wissens-Kontext eigene inhaltliche Beiträge einzubringen. Logik kann darüberhinaus Ausdrucksmöglichkeiten für inhaltliches Wissen bereitstellen. Diese Eigenschaften machen Logik zur idealen Basis für die Explikation und thematische Behandlung von Grundlagenfragen jedweder Wissenschaft.

So suchte gerade auch die Philosophie, wenn Begründungsfragen ins Zentrum des Interesses rückten wie etwa bei Fichte und im Hegelschen System, ihre Grundlagen als Wissenschaft durch Rückgriff auf logische Fundamente zu sichern. Die Aristotelische Logik war hierfür jedoch ungeeignet, und es bedurfte zunächst noch weiterer Entwicklungen, um Logik als Grundlagenwissenschaft tatsächlich etablieren zu können.

Seit den Zeiten von Leibniz ist die Idee des logischen Vorgehens der Kalkül - ein reines "Rechnen" der Form -, das als reines Kalkulieren den Anspruch verbürgt, in seinem Fortschreiten keine auch noch so versteckten zusätzlichen inhaltlichen Bezüge mit zu "verrechnen". Damit ist zweierlei ermöglicht: Die inhaltliche Neutralität ist so gesichert wie bei reinem Rechnen und muss nicht mehr als behauptete Universalstruktur begrifflichen Denkens selbst mittels philosophischer Reflexion erst noch nachgewiesen werden. Mit diesem Grundgedanken ist darüber hinaus auch der Einbeziehung der Mathematik in inhärent logische Gegebenheiten die Tür geöffnet.

Die Logik hat sich als eigenständige mathematische Teildisziplin im Wesentlichen dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Arbeiten von Georg Cantor zur Mengenlehre sowie von Gottlob Frege zur Überwindung der Aristotelischen Logik und einer Neukonzeption von Logik als symbolischer Kalkül entwickelt. Es bedurfte jedoch wesentlich der Arbeiten Freges, um die Verwendbarkeit dieser Logik-Konzeption auch für die mathematische Grundlagenproblematik zu erweisen. Logik ist seitdem sowohl ein Teilgebiet von Mathematik wie auch Grundlagen-Disziplin - nicht nur - für Mathematik: Logik ist als Paradigma für die Wissenschaftsentwicklung insgesamt bedeutsam.

Zielsetzung

Das Projekt Logik-Bibliographie verfolgt das Ziel, dieses Gebiet in seiner vollen Breite und Tiefe zu dokumentieren, zu strukturieren und zu repräsentieren und den Zugang zu ihren Ergebnissen zu ermöglichen. Dies beinhaltet sowohl eine Darstellung der historischen Entwicklung der mathematischen Logik als auch den Ausweis ihrer aktuellen Forschungsthemen.

Zur Verfolgung ihrer Ziele unterhält die Forschungsstelle eine umfassende strukturierte Bibliographie der Literatur aus dem genannten Bereich und entwickelt Formalismen zur funktionsgerechten Darstellung inhaltlichen Wissens mit der Möglichkeit spezifischer Informationssuche und Informationsvermittlung.

Der exponentiell wachsenden Publikationstätigkeit, der fortschreitenden Spezialisierung sowie auch den Tendenzen einer damit einher gehenden abnehmenden Rezeption wissenschaftlicher Resultate soll für ein Wissenschaftsgebiet, die mathematische Logik, ein Instrument zur Sicherung des gesamten erreichten Kenntnisstandes, zur begrifflichen Erfassung von Forschungsleistungen sowie zur Verfügbarmachung der Resultate entgegen gesetzt werden.

Für die mathematische Logik soll damit ein einheitsstiftendes und bestandssicherndes Ordnungsinstrument angeboten werden, das zugleich der zunehmend zu beobachtenden Verstreutheit wissenschaftlicher Resultate entgegen wirkt und die weltweit verfügbaren Angebote zentral koordiniert und aufbereitet. Damit ist insbesondere ein kultureller Anspruch verbunden, der bereits im Ansatz darauf abzielt, Partikularisierungstendenzen entgegenzuwirken, bei denen Forschungsbeiträge auf eingegrenzte wissenschaftliche Zirkel beschränkt bleiben.

Das Projekt Logik-Bibliographie der Dokumentationsstelle Logik am Fachgebiet Philosophie der Technischen Universität Kaiserslautern ist die Fortführung der bis Ende 2004 bestehenden Forschungsstelle Mathematische Logik der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Dimensionen der Tätigkeiten

Ein solches Programm umfasst mehrere Dimensionen, die jedoch in dem Projekt unter dem einheitsstiftenden Leitgedanken einer umfassenden strukturierten Dokumentation funktional aufeinander bezogen sind. Wesentliche Grundlage bildet zunächst eine systematische Übersicht über die Publikationen des Gebiets.

Die Dokumentation

Die Dokumentation bezweckt die Bestandssicherung wissenschaftlicher Ergebnisse der mathematischen Logik von ihren Anfängen als anerkannte mathematische Teildisziplin an und stellt ihre historische Entwicklung dar. Die von der Forschungsstelle aufgebaute, annähernd vollständige strukturierte Logik-Bibliographie umfasst ca. 100.000 Literaturreferenzen.

Für die Nutzbarmachung der Dokumentation für die aktuelle Forschung ist jedoch eine sachgerechte Aufbereitung des Materials unabdingbar. Das hierfür entwickelte Metadaten-Konzept ermöglicht insbesondere ein Kriterium für die Korrektheit bibliographischer Referenzen und bildet die Basis für die Repräsentation sowie die Vernetzung der Daten.

Der vorgenannte Anspruch der Strukturierung erfordert jedoch, dass die Dokumentation über eine reine Literatursammlung hinaus auf die inhaltliche Ebene durchgreift.

Inhaltliche Erschließung

Eine Dokumentation bestimmt zunächst den Umfang eines Gebietes. Die oberste Ebene eines inhaltsbezogenen Zugangs zur Literatur bildet eine Bündelung und Systematisierung der zentralen Forschungsthemen und Forschungslinien sowie der sie bestimmenden Positionen, Fragestellungen und Paradigmen in kohärenter Form. Dies ist eine originär intellektuelle Leistung, die in ein Klassifikationssystem einmündet. Es vermittelt Orientierungspunkte in der Forschungslandschaft und spiegelt die Sichtweise wider, in der Experten ihr Gebiet als Ganzes erfassen und darstellen. Das Klassifikationssystem kodiert Forschungsinteressen, die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft geteilt werden, und benennt diese in Form begrifflicher Zuordnungen, die jenseits definitorischer Verhältnisse angesiedelt sind.

Ein Klassifikationssystem liefert somit eine Übersicht über Forschungsthemen in Form von sprachlich vermittelten Zusammenhängen, die nicht durch rein definitorische Abhängigkeiten der darin enthaltenen Begriffe sondern durch spezifische Forschungsinteressen charakterisiert sind. Als Beispiel aus der Logik diene dazu der Klassifikationspunkt 03C60 Model-theoretic Algebra. Model-theoretic Algebra. Hier wird ein Forschungsgegenstand beschrieben, der eine Tradition wissenschaftlicher Publikationen bündelt und Interessengebiete von Wissenschaftlern umreißt. Rein begrifflich gesehen ergibt sich keine zwingende (wenn auch angesichts der historischen Entwicklung durchaus eine natürliche) Abhängigkeit zwischen Modelltheorie und Algebra: Es werden auf der einen Seite die algebraischen Strukturen betrachtet. Sie betreffen Fragen nach dem Strukturaufbau von Gruppen, Ringen, Körpern usw. Diese tangieren Forschungsrichtungen innerhalb der Logik nur insoweit, als dabei logische Fragestellungen wie etwa Axiomatisierbarkeit, Vollständigkeit, Kategorizität usw. angesprochen sind; Bereiche also, die in einem rein algebraischen Sinne nicht von primärem Interesse sind, sondern dem originär logisch begründeten Verhältnis zwischen syntaktischen Beschreibungsverfahren und deren semantischen Entsprechungen entstammen.

Die Erstellung eines Klassifikationssystems ist als reine intellektuelle Leistung, die unabhängig von zu Grunde liegendem Datenmaterial erbracht wird, nicht sachgerecht möglich; sie erfordert vielmehr eine repräsentative Übersicht über den betreffenden Gegenstandsbereich, an dem sich die Sacheinteilung manifestiert und bewährt. Die Voraussetzung für die Erstellung einer Systematik für die Logik war auf der Grundlage der Logik-Bibliographie damit in besonderer Weise gegeben. Das Klassifikationssystem für die Bibliographie wurde von international renommierten Experten, den Editoren der Logik-Bibliographie, auf der Basis der vorliegenden Dokumentation konzipiert.

Da das Klassifikationssystem auf einer Interpretationsleistung beruht, kann ein Bewertungsmaßstab für die darin zum Ausdruck gebrachte Beschreibung der Forschungstätigkeiten ausschließlich in der Bewährung, insbesondere in der Akzeptanz durch die wissenschaftliche Öffentlichkeit liegen. Die an der Forschungsstelle Mathematische Logik der Heidelberger Akademie der Wissenschaften entwickelte Struktureinteilung für die mathematische Logik hat in ihren wesentlichen Grundzügen als Teil-Klassifikationssystem 03X Eingang in das allgemein akzeptierte, umfassende Mathematical Subject Classification System MSC 2000 (inzwischen als MSC 2010 vorliegend) gefunden. Die grundlegenden Paradigmen der Forschungsstelle wurden dabei vollständig übernommen.

Für ihren eigenen Gebrauch hat die Forschungsstelle zusätzliche Verfeinerungen des Klassifikationssystems vorgenommen, die in der Form von Annotationen eine präzisere Spezifikation der dahinter stehenden Intentionen darstellen sowie eine genauere Fixierung der Begrifflichkeit leisten.

Durch eine entsprechende Klassifikation der Arbeiten wird ein Bezug zu den Forschungslinien hergestellt sowie eine Koordination der dokumentierten Publikationen innerhalb der gesamten Forschungsaktivitäten ermöglicht. Insgesamt bietet die Forschungsstelle für ihren Bestand eine geschlossene Klassifikation auch der älteren Literatur durch international renommierte Fachleute. Dies erlaubt insbesondere einen Einblick in die Entwicklung und Dynamik einzelner Forschungsgebiete, wie in einschlägigen Studien ausgewiesen.

Funktionale Verwendbarkeit

Eine Dokumentation, die nicht auf die aktuelle Forschungspraxis ausstrahlt, läuft Gefahr, in der Form einer reinen "depository research" historisch und forschungspraktisch folgenlos zu bleiben. Die Weiterentwicklung der Bibliographie zu einem Informationssystem wirkt dabei einer rein historisch orientierten Sichtweise entgegen, und es ist eine Wirkung auf die aktuelle Forschungspraxis angelegt.

Um den Einsatz eines Klassifikationssystems so nutzbringend wie möglich zu gestalten, sollte aus der Sicht der Benutzenden die Vergabe von Klassifikationspunkten der Leitidee einer nachvollziehbaren Regelhaftigkeit der Zuordnung möglichst nahekommen.

Ein Klassifikationssystem bildet als Ordnungsrahmen damit die oberste Schicht inhaltlicher Darstellung und erzeugt den allgemeinen Bezugsrahmen für die begriffliche Koordination von Forschungsaktivitäten. Seine Konzeption ist jedoch nicht darauf angelegt, die konkreten Beiträge einzelner Arbeiten hierfür zu benennen, und sie berücksichtigt auch nicht die darin je verwendete Begrifflichkeit. Eine tiefergehende Erfassung der publizierten Arbeiten erfordert daher eine spezifischere Beschreibung der bearbeiteten Forschungsthemen.

Eine funktional nutzbare Dokumentation bietet über einen Bestandsverweis hinaus die Möglichkeiten des Zugriffs auf ihre Ergebnisse. Auf Grund der Entwicklung der letzten Jahre wird neben einem rein deskriptiven Angebot zukünftig verstärkt auch die direkte Vermittlung der Inhalte an Bedeutung gewinnen. Erwähnt sei hierbei etwa aktuell die Tendenz zur Digitalisierung speziell der weiter zurück liegenden Bestände. Die ehemalige Forschungsstelle Mathematische Logik der Heidelberger Akademie der Wissenschaften war an solchen Programmen mit beteiligt und die daraus entstandene Dokumentationsstelle ist bestrebt, vorliegende Angebote praktisch in entsprechenden Dienste umsetzen. Ihre Ergebnisse manifestieren sich in einem Informationssystem, das im WWW frei zugänglich ist.

Zusammenfassung

Aus der Integration dieser verschiedenen Strukturierungsansätze in ein umfassendes Informationssystem zur mathematischen Logik resultiert eine ganzheitliche Verbindung von bibliographischer Dokumentation mit einer mehrdimensionalen Erschließung inhaltlicher Zusammenhänge.

Exemplarisch wird hiermit der Versuch unternommen, eine wissenschaftliche Disziplin in ihrer Gesamtheit zu begreifen. Das bedeutet, sie in ihrer vollen Breite und Tiefe zu erfassen und sowohl den Zugang zu ihren Inhalten als auch zu Forschungsthemen auf ihrem Gebiet zu ermöglichen. Durch den Grundlagen-Charakter der mathematischen Logik weist dieser Ansatz insgesamt weit über die Grenzen des eigenen Gebietes hinaus.

Insgesamt entsteht damit ein Dokumentationszentrum von internationalem Rang als Kristallisationspunkt der Forschung auf dem Gebiet der mathematischen Logik. Seine Inhalte konstituieren die Referenz für wissenschaftliche Ergebnisse in seinem Gebiet und dienen damit zugleich die Basis für zukünftige Forschung.

Es wird eine Leistung mit Ausstrahlung über das eigene Fachgebiet hinaus erbracht, die einen kulturellen Wert an sich darzustellen vermag.